Kaminski’s Vokalmusik – Eigenart und Verpflichtung

von Cornelius Hirsch
Einführungstext zur CD-Produktion "Heinrich Kaminski - das geistliche A-Cappella-Werk" OEHMS CLASSICS

Noch zeigt sich Kaminski mit seiner Fuge „Alle Menschen müssen sterben„ (1911) ganz gebunden im Bannkreis Bachs; der junge Komponist stellt - wie sein Vorbild - von Beginn an all sein schöpferisches Tun in den Dienst der Vermittlung von Glaubenswahrheiten. Überflüssigen Zierrat, aber auch schiere Lust an der Erforschung klanglicher oder struktureller Möglichkeiten sucht man schon in diesem frühen Werk vergebens. Strenge und Klarheit obsiegen jeder oberflächlichen Kunstfertigkeit.

Ein weiteres Beispiel der frühesten Stilphase Kaminski’s stellt sein „130. Psalm“ aus dem Jahre 1912 dar. Von vielen Ensembles wird er gerne ins Programm genommen, erweisen sich die drei weiterhin in Bach-Regerscher Tonsprache gehaltenen Sätze sowohl vom Umfang als auch vom Schwierigkeitsgrad her (und im Gegensatz zu vielen späteren Vokalwerken) noch als übersichtlich und empfehlen sie sich durch ihre schnörkellose, leicht zugängliche Direktheit in Wortvertonung wie Stimmführung und harmonische Entwicklung.

Letztere entbehrt in den „Sechs Chorälen“ von 1915 bei aller unspektakulären Zurückhaltung in der Ausführung der Gesamtanlage an der ein oder anderen Stelle nicht manch vorsichtig eingestreuter Gewagtheit: Ungewohnte harmonische Wendungen innerhalb eines insgesamt durchaus traditionellen Klanggeschehens, schwer intonierbare „seltene“ Intervallverbindungen, teils überweite Tonumfänge der Stimmen lassen in den ansonsten geradezu schulmäßig ausgestalteten polyphonen Satz eine gewisse Fremdheit, ja, etwas Eigenwilliges, Privates, mitunter fast schon Exaltiertes einsickern.

In seinen „Weihnachtsliedern“ unternimmt Kaminski den Versuch ursprünglich einstimmige Volksweisen polyphon in neuer Weise auszugestalten, ohne dass dabei ihr schlichter Grundcharakter verloren gehen soll. Auch hier wird Kaminski’s zurückhaltendes Herangehen an die Aufgabe deutlich: Die künstlerisch-technische Behandlung des Materials darf nicht den Gehalt, den eigentlichen Sinn der Äußerung durch prahlerische oder platte Virtuosität verunklären oder gar zur Nebensache degradieren. Der Wahrhaftigkeit der Glaubensbotschaft sollen Kaminski’s Produkte Rechnung tragen – nicht umgekehrt.

Dennoch entscheidet sich Kaminski schließlich zu einer stilistischen Neuorientierung, weg von leicht nachvollziehbarer Einfachheit hin zu schwer rezipierbarer Komplexität. Das „Reden in Zungen“ erleuchteter Auserwählter mag auf Außenstehende exzentrisch und wirr wirken – dennoch vermag es Offenbarung zu beinhalten. Exemplarisch hierzu die Vokalkomposition „Der Mensch. Motette“ (1926): Alt-Solostimme und sechsstimmiger Chor intonieren jeweils verschiedene Gedichte von Matthias Claudius, und das gefasst in durch Überweite kaum noch als solches erkennbarem Metrum und in durch mannigfache Verschleifungen sowie ungerade Unterteilungen komplizierten Rhythmen. Auch eine erkennbare Großstruktur wird zu Gunsten eines nur noch mittels zäsurbildender Kadenzen gegliederten Wachsens und Fließens aufgelöst.

Die Form des Liedes mit Instrumentalbegleitung - so zu finden in den drei Sätzen des “Triptychon„ (1926) für Alt-Solo und Orgel mit einer Zusammenstellung von Texten aus der persischen, der buddhistischen und der christlichen Glaubenswelt - vermag das Maß an intimer Unvermitteltheit und privater Spontaneität im Aussageduktus noch zu steigern. Auf verbindliche, eine Vielzahl von Individuen einende Rhythmusmodelle, auf gemeinschaftliche Metrik könnte hier (im begleiteten Solo-Vortrag) nahezu verzichtet werden - Kaminski tut durch weitere Auflösung der genannten Parameter einen weiteren Schritt in diese Richtung.


Wird nun die Interpretation hochgradig individuell erscheinender musikalischer Äußerungen, wie im Chorwerk „Die Erde“ (1929) der Fall, einer größeren Gruppe abverlangt, ist, sowohl was die Erstellung der Partitur als auch was deren Verwirklichung betrifft, höchste Virtuosität im Beherrschen der Materie gefragt. Kaum ein Takt ohne wechselnde Tempoverhältnisse, ständig wechselnde Dynamik in subtilen Unterscheidungen, uneinheitliche Behandlung der Texteinsätze und Textabsprachen(!) in den unterschiedlichen Stimmgruppen, weitere Verschleifungstendenzen von Rhythmik und Metrik - diese Maßnahmen lassen in ihrer Wirkung weniger ein festes Tongebäude als vielmehr ein organisch gewachsenes, eher amorphes Naturprodukt entstehen. Festeren Halt findet der Hörer nur an den im polytonalen Zusammenhang fast skandalös einfach anmutenden Dominant-Tonika-Kadenzen, an archaisierenden Baß-Quinten oder an den das Wortmaterial relativ deutlich übermittelnden rezitativischen Textskandierungen, die aber durch ihr unvermitteltes Auftreten nicht viel zur Klarheit des Gehaltes der Zarathustra-Predigten beitragen zu wollen scheinen. Die Erkenntnis des Wortsinnes hat sich der Sucher in diesem Werk - wie generell in der Rezeption hermetischer Texte - geradezu zu erkämpfen.

Kaum hatte die Methode der Verunklärung einiger kompositorischer Parameter in Kaminski’s Schaffen ihren Höhepunkt erreicht, mahnt sich der „demütige Avantgardist“ zur Mässigung und Zurückhaltung im Gebrauch allzu anspruchsvoller und eigenwilliger Kompositionsmittel. Er verschreibt sich quasi als Läuterung die unerbittliche Form des (Doppel-)Kanons in über weite Strecken hin diatonisch zurückgenommener Klanglichkeit und äußerst reduzierter Vielfalt rhythmischer Modelle. Umso deutlicher treten in den „Drei Canons„ von 1931 die mantra-artigen Sinnsprüche des Mystikers Angelus Silesius hervor. Hier haben wir Kleinodien künstlerischer Entäußerung von zwei zur Selbstzucht bereiten christlichen Ekstatikern vor uns.

Die Machtergreifung der kollektiven Dummheit und Unmenschlichkeit in Deutschland stellt die Zuversicht Kaminski’s auf eine harte Probe. Er reagiert 1934 mit der „Messe deutsch“, deren unhandliche Betitelung schon Programm ist: Wo passende Worte fehlen, muß mit eigenen Textfindungen höchst persönlich die Klage um die Welt in den als Kyrie-Satz intendierten Messeteil hineingeschrieen werden! In abgeklärter Weise bedient sich Kaminski der in der Blütezeit seines Arbeitens gefundenen Stilmittel, wobei die Strukturen kantiger, konkreter, unerbittlicher geworden sind. Fast trotzig lässt Kaminski den einzig ausgeführten Satz der Messe in einen Gloria-Jubel einmünden: Trotz erlebter Niederträchtigkeit will Kaminski im Vertrauen auf die verkündete Erlösung der letzten Endes werten Welt nicht wanken.

Cornelius Hirsch (2005)